Tibetische Medizin
Die tibetische Medizin gehört zu den ältesten Medizinsystemen der Welt und ist noch heute ein wichtiger Teil der tibetischen Kultur. Die tibetische Medizin wurde in ihrer Entwicklung massgebend von der chinesischen, der indischen, der persischen und der griechischen Medizin beeinflusst, hat aber eine ganz eigene Form gefunden. Heute verbreitet sich die tibetische Medizin immer mehr auch in den westlichen Industrieländern.
Philosophie / Entstehungsgeschichte
Im Himalayastaat Tibet entwickelte sich ab dem 7. Jahrhundert, als wichtige medizinische Texte aus China und Indien nach Tibet gelangten, ein eigenständiges Medizinsystem. Im 8. Jahrhundert wurde erstmals eine "internationale Konferenz" über die tibetische Medizin abgehalten: dutzende von Ärzten aus ganz Asien nahmen an der Zusammenkunft teil, die mehrere Jahre dauerte. Im 12. Jahrhundert verfasste Yuthog Yonten Gonpo der Jüngere das "Gyüschi", das Grundlehrbuch der tibetischen Medizin, das bis heute das entscheidende Nachschlagewerk geblieben ist. Im Gyüschi werden 1600 Krankheiten beschrieben und beinahe 3000 Heilmittelzutaten erklärt. Das Gyüschi wurde im 17. Jahrhundert durch Gangye Gyamtso noch einmal revidiert - seither ist es beinahe unverändert. Im Jahr 1696 gründete Gangye Gyamtso auf Geheiss des fünften Dalai Lama die erste auf tibetische Medizin spezialisierte Hochschule.
Die tibetische Medizin ist stark im traditionellen tibetischen Buddhismus verwurzelt und hat dadurch auch eine spirituelle Bedeutung. Die tibetische Medizin ist ganzheitlich orientiert; mentale und rationelle Ansätze stehen gleichberechtigt nebeneindander. Das Ziel einer Behandlung ist die Wiederherstellung eines gestörten Gleichgewichts im Körper.
Grundsätzlich werden zwei Ursachen von Krankheiten unterschieden. Die erste Ursache ist Unwissenheit, die dazu führt, dass man die Realität nicht erkennen kann. Infolge von Unwissenkeit können drei "Gifte" den menschlichen Geist stören: Dummheit, Gier und Hass. Die zweite Ursache liegt in den drei Körpersäften Luft, Galle und Schleim. Tibetische Ärzte gehen davon aus, dass alle Körperfunktionen von diesen drei Säften gesteuert werden, sie machen die Grundenergie des Organismus aus. Neben den drei Körpersäften besteht der Körper aus sieben Bestandteilen:
Ausserdem scheidet der Körper die drei Sekrete Schweiss, Urin und Stuhl aus.
Solange Körperbestandteile, Körpersäfte und Ausscheidungen im Gleichgewicht sind, ist der Mensch gesund. Erst wenn die Balance gestört ist, entsteht eine Krankheit. Es werden unterschiedliche Gründe für eine Dysbalance unterschieden:
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ungünstige klimatische Einflüsse
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der Einfluss von Geistern
Da im Körper alle Organe voneinander abhängig sind und einander gegenseitig beeinflussen, beeinträchtigt ein Ungleichgewicht in einem Organ den ganzen Organismus.
Technik der tibetischen Medizin
Bei einem tibetischen Arzt erfolgt die Diagnosestellung in drei Schritten. Zuerst wird der Patient über seine Beschwerden und seine Lebensgewohnheiten befragt. Dann betrachtet der Arzt seinen Patienten (unter anderem die Zunge und die Augen) und dessen Ausscheidungen (Stuhl und Urin), zuletzt erfolgt das Abtasten des Patienten. Es werden ähnliche Diagnosetechniken wie in der traditionellen chinesischen Medizin angewendet, zum Beispiel Zungen- und Pulsdiagnostik oder die Urinanalyse.
Bei der Behandlung werden gestörte oder aus dem Gleichgewicht geratene Kräfte gezielt angeregt oder gedämpft. Dabei kommen verschiedene Massagetechniken, Akupunktur, Diäten, Verhaltenstherapien und tibetische Heilmittel zum Einsatz. Für den tibetischen Arzt steht an erster Stelle, dass der Patient seine Lebensweise verändert oder anpasst, nicht die medikamentöse Therapie.
Tibetische Medikamente bestehen in der Regel aus einem Gemisch von pflanzlichen, mineralischen oder auch tierischen Bestandteilen und werden meistens sehr niedrig dosiert. Unterschieden werden verschiedene Arzneimittelformen, darunter Abkochungen, Tabletten, Schleime, Medizinalbutter, Medizinalweine, Edelsteine und Kräuterzubereitungen. Welche Heilpflanze wie wirkt, wird vom tibetischen Arzt durch riechen und schmecken bestimmt.
Wie kann die tibetische Medizin eingesetzt werden
Grundsätzlich können mit tibetischer Medizin alle Erkrankungen behandelt werden. Der Schwerpunkt der tibetischen Medizin liegt allerdings nicht bei akuten Erkrankungen (Infektionskrankheiten), sondern eher in der Therapie von chronischen und psychosomatischen Krankheiten wie zum Beispiel
Nebenwirkungen / Vorsichtsmassnahmen
Die Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten der tibetischen Medizin sollten eine schulmedizinische Behandlung nicht ersetzen, sondern ergänzen. Oftmals sind bei Krankheitsbeschwerden Diagnosemethoden (zum Beispiel Röntgen) oder Behandlungsstrategien notwendig, welche die tibetische Medizin nicht bieten kann. Vor allem bei lang anhaltenden oder akuten Symptomen ist die Abklärung durch einen schulmedizinisch ausgebildeten Arzt anzuraten.
Wie alle Medikamente können auch tibetische Heilmittel Nebenwirkungen auslösen, zum Beispiel allergische Reaktionen. Da die tibetischen Arzneien aus einem Gemisch verschiedener Wirkstoffe bestehen, ist es im Fall von Nebenwirkungen meistens schwierig, die auslösende Substanz herauszufinden.