Heileurythmie
Die Heileurythmie gehört zu den wichtigsten Behandlungsmethoden der anthroposophischen Medizin. Das Wort Eurythmie stammt aus dem Griechischen und bedeutet übersetzt "schöner Rhythmus". Durch das regelmässige Ausführen bestimmter Übungen und Bewegungsabläufe sollen die Selbstheilungskräfte der Patienten angeregt und der Heilungsprozess unterstützt werden.
Philosophie / Entstehungsgeschichte
Eurythmie ist eine Bewegungskunst, die von Rudolf Steiner (1861-1925), dem Begründer der Anthroposophie, zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelt wurde. Später entstanden verschiedene Zweige der Eurythmie, wie beispielsweise die Kunsteurythmie, die auf Bühnen aufgeführt wird, und die Heileurythmie, die zu therapeutischen Zwecken eingesetzt wird.
Die Heileurythmie ist eingebettet in das Gedankengut und die Prinzipien der anthroposophischen Philosophie und Medizin. Der Mensch besteht nach anthroposophischen Vorstellungen aus vier Wesensgliedern (Stoffleib, Seele, Geist und Lebensleib), die alle Gesetzmässigkeiten des Lebens bestimmen. Beim gesunden Menschen herrscht ein harmonisches Zusammenspiel aller Kräfte der vier Wesensglieder, Störungen der Kräftekonstellation resultieren in Krankheiten. Ziel jeder anthroposophischen Behandlung ist es daher, die natürliche Harmonie im Organismus wiederherzustellen.
Die Heileurythmie gehört zu den künstlerischen Therapieformen der anthroposophischen Medizin. Sie wird vom behandelnden Arzt verordnet und nach einem individuell aufgestellten Therapieplan von einer Heileurythmistin durchgeführt. Heileurythmie-Behandlungen können in in einer freien Praxis stattfinden, gehören aber auch zum Therapieangebot von anthroposophisch orientierten Kliniken, Sanatorien, Altersheimen oder heilpädagogischen Einrichtungen.
Technik der Heileurythmie
Bei der Heileurythmie werden die Laute der Sprache (und teilweise auch Töne und Musik) in Bewegungen umgesetzt. Deshalb nennt man die Eurythmie auch "sichtbare Sprache" oder "sichtbarer Gesang".
Nach anthroposophischer Ansicht entspricht jeder Vokal, jeder Konsonant oder jeder Ton einer bestimmten Gebärde oder Bewegungsfolge. Jeder Laut oder Ton und die entsprechende Gebärde oder Bewegung verfügt über eine ganz bestimmte Wirkung auf den Organismus. Heileurythmische Bewegungen sollen gezielt bestimmte Körperfunktionen anregen und die Selbstheilungskräfte des Organismus aktivieren. Ein Beispiel ist die Gebärde für den Buchstaben "L": Die Gebärde besteht in einer runden, fliessenden, sich entfaltenden Bewegung der Arme, die das Fliessen der Körpersäfte anregen soll. Auch Ablagerungen und Verhärtungen im Organismus sollen durch diese Gebärde verhindert oder abgebaut werden. Dagegen ist die Gebärde für den Konsonanten "U" eine einengende, zentrierte Bewegung, die die Konzentration stärken und nervöse Spannungen abbauen soll.
Je nach Art der Beschwerden und der Erkrankung stellt die Heileurythmistin für jeden Patienten eine bestimmte Auswahl von Gebärden und Bewegungsfolgen zusammen, die speziell auf seine Bedürfnisse ausgerichtet sind. Während der Therapiesitzungen lernt der Patient, diese Übungen selbstständig durchzuführen. Wichtig für den Erfolg der Behandlung ist, dass der Patient die Bewegungsfolgen auch zu Hause regelmässig über einen längeren Zeitraum übt.
Eine Heileurythmie-Sitzung dauert etwa 45 Minuten, ein Behandlungszyklus umfasst 10 bis 15 Einheiten. Bei chronischen Erkrankungen und Entwicklungsstörungen können längere Behandlungszeiten erforderlich sein. Die Heileurythmie kann sowohl als Einzel- als auch als Gruppentherapie angewendet werden. Die Behandlung eignet sich für Patienten aller Altersgruppen. Da die Übungen im Stehen, Sitzen oder Liegen ausgeführt werden können, ist es auch möglich, Patienten mit einer eingeschränkten Beweglichkeit zu behandeln.
Wie kann Heileurythmie eingesetzt werden
Da die Heileurythmie als therapiebegleitende medizinische Massnahme eingesetzt wird, eignet sich das Verfahren zur Behandlung einer Vielzahl von akuten, chronischen und degenerativen Erkrankungen. Auch Patienten mit psychosomatischen oder psychiatrischen Krankheiten können von einer Heileurythmie-Behandlung profitieren. Gute Erfolge kann die Heileurythmie ausserdem in der Kinderheilkunde, der Altenpflege und bei der Sterbebegleitung verzeichnen.
Nebenwirkungen / Vorsichtsmassnahmen
Mit Nebenwirkungen ist bei der Heileurythmie nicht zu rechnen. Da eine Heileurythmie-Behandlung nur auf ärztliche Verordnung stattfindet, obliegt es dem Arzt, den Patienten über Vorsichtsmassnahmen oder Gründe zu informieren, die gegen eine solche Behandlung sprechen würden.